Die Parabel vom Schmetterling

Schmetterling © Erich Keppler - pixelio.deKennst du dieses Phänomen? Wenn du auf einer langen Reise bist und das Ziel noch nicht vor Augen hast, setzt du beruhigt und geduldig deinen Weg fort. Wenn dann plötzlich das Ziel in Sicht kommt, wie der auftauchende Horizont, wirst du schneller und schneller und immer ungeduldiger. Vielleicht findest du es unfair, dass die Reise schon so lange dauert, und das Gefühl kommt auf, das Ziel nie zu erreichen. Womöglich wirst du mutlos und magst gar nicht mehr weitergehen.

So geht es uns oft auf unserer spirituellen Reise. So lange sind wir schon unterwegs. Haben so viel gearbeitet, gelernt, Seminare besucht, uns in Vertrauen ins Göttliche geübt – was auch immer Teil unseres persönlichen Suchens ist. Und irgendwann kommt der Punkt der Mutlosigkeit; der Gedanke, dass wir nie ankommen und es doch alles nichts bringt.

Es gibt Kräfte, die sind größer und weiser als wir. Die folgende kleine Geschichte mag uns helfen, diese Mutlosigkeit in das Vertrauen zu verwandeln, dass alles genau richtig ist für jeden einzelnen von uns, dass wir alle zum genau für uns richtigen Zeitpunkt am Ende der Suche ankommen werden, und dass vermeintliche Abkürzungen, die nicht im Einklang mit dem großen Ganzen sind, uns eher schaden als nützen.

Eines Tages erschien eine kleine Öffnung in einem Kokon; ein Mann beobachtete den zukünftigen Schmetterling für mehrere Stunden, wie dieser kämpfte, um seinen Körper durch jenes winzige Loch zu zwängen. Dann plötzlich schien er nicht mehr weiter zu kommen.

Es schien, als ob er so weit gekommen war wie es ging, aber jetzt aus eigener Kraft nicht mehr weitermachen könne. So beschloss der Mann, ihm zu helfen: Er nahm eine Schere und machte den Kokon auf. Der Schmetterling kam dadurch sehr leicht heraus. Aber er hatte einen verkrüppelten Körper, er war winzig und hatte verschrumpelte Flügel.

Der Mann beobachtete das Geschehen weiter, weil er erwartete, dass die Flügel sich jeden Moment öffnen und sich ausdehnen würden, um den Körper des Schmetterlings zu stützen und ihm Spannkraft zu verleihen. Aber nichts davon geschah! Stattdessen verbrachte der Schmetterling den Rest seines Lebens krabbelnd mit einem verkrüppelten Körper und verschrumpelten Flügeln. Niemals war er fähig zu fliegen.

Was der Mann in seiner Güte und seinem Wohlwollen nicht verstand, dass der begrenzende Kokon und das Ringen, das erforderlich ist, damit der Schmetterling durch die kleine Öffnung kam, der Weg der Natur ist, um Flüssigkeit vom Körper des Schmetterlings in seine Flügel zu fördern. Dadurch wird er auf den Flug vorbereitet, sobald er seine Freiheit aus dem Kokon erreicht.

Manchmal ist das Ringen genau das, was wir in unserem Leben benötigen. Wenn wir durch unser Leben ohne Hindernisse gehen würden, würde es uns lahm legen. Wir wären nicht so stark, wie wir sein könnten, und niemals fähig zu fliegen.

(Verfasser unbekannt)

 

Foto: © Erich Keppler - pixelio.de

geschrieben von: Petra & Eckart Schulz | am 30.10.2012