Diesseits und Jenseits sind eines

Ramana MaharshiÜber die Einheit von Außen- und Innenweltengagement, von Politik und Andersweltlichkeit

Paradise Now hieß das Stück des Living Theatre, einer der anarcho-pazifistischen Theatergruppen der Gegenkultur in den 60er und 70er Jahren. Das Paradies ist jetzt – oder nie. Himmel und Hölle gibt es nur hier, in dieser einen Welt. Politik und Spiritualität sind eines, auch wenn sie noch immer so tun, als lebten sie in zwei verschiedenen Welten

Vor hundert Jahren begann der erste Weltkrieg, die Urkatastrophe des zwanzigsten Jahrhunderts. Die Welt von heute ist, was die Entwicklung unseres Bewusstseins anbelangt, nicht so viel anders. Auch wenn es grad keinen Weltkrieg gibt (außer dem gegen die Natur), gibt es Konflikte und Kriege ohne Ende, Parteien und Spaltungen, Hass, Rassismus, Hexenverfolgungen, Hunger und Unterernährung, in sklavenähnlichen Zuständen gehaltene Arbeiter (darunter viele Kinder) und Frauen, über die Männer glauben verfügen zu können, maßlose Gier und Naturzerstörung, Religionskriege und als ethnische »Säuberungen« beschönigte Massaker an vermeintlich Fremden. Die Religionen, die Worte wie Frieden, Liebe und Freiheit im Zentrum ihrer Lehren haben, scheinen dem nichts entgegensetzen zu können. Vielleicht wollen sie es auch gar nicht, sind sie doch meist selbst Partei, verbunden mit weltlichen Mächten und partizipieren so am Erhalt der alten, den Menschen entwürdigenden und missbrauchenden ausbeuterischen Strukturen. 

Aufgeben gilt nicht

Die Profile der politischen und religiösen, der weltlichen und andersweltlichen Erlöserfiguren und -konzepte ähneln einander. In ihrem Scheitern – je nach Philosophie an der menschlichen Natur oder der wirtschaftlichen Ordnung – sind sie einander dann doch wieder gleich. An wen oder was soll man da seine Hoffnung noch klammern? Aufgeben gilt nicht, das wäre dann ja nicht nur der Tod jeder Chance auf äußere Veränderung, sondern auch ein seelischer Selbstmord, wie ihn etwa Kurt Tucholsky 1935 begangen (oder sagen wir besser erlitten?) hat, als er gegen den erstarkenden Faschismus in Europa jegliche Hoffnung verlor: »Gegen einen Ozean pfeift man nicht an.«

Ist es wirklich so schlimm? Ja, für die vom Unglück Getroffenen ist es das, und für uns in dem Maße, wie wir mitleiden, uns damit identifizieren und uns dann die Beschränktheit unserer Wirkungsmöglichkeiten vor Augen halten. Aber Pessimismus ist für mich keine Option, deshalb wende ich mich denen zu, die mir Hoffnung machen, und freue mich an dem, was es inmitten von all dem Unglück zu bejubeln gibt. Und ich weiß ja: Wenn ich mein Leid durch Mitleiden dem anderer hinzufüge, vergrößert sich das gesamte Unglück nur. Mitleid, Mitgefühl, Empathie sind nur insoweit etwas Gutes als sie es uns ermöglichen gemeinsam Verbesserungen zu bewirken.

Gründe zur Freude

Und es gibt ja auch das Glück der kleinen Freuden: Sonnenlicht und Regen, der Duft frisch geernteter Früchte, das Atmen der Herbstluft, eine ums Haus streunende Katze und das Lachen spielender Kinder. Und dann die sozialen, politischen und religiösen Bewegungen, die nicht aufgeben, sondern aus Mitgefühl Gutes tun, auch in schier ausweglos scheinenden Situationen. Wie zum Beispiel die hier im Heft vorgestellte Satsang-Bewegung, die zu Unrecht den Ruf hat, nur an ihrer eigenen Erleuchtung interessiert zu sein, sondern die in ihrer Entwicklung gerade dabei ist, die Außenwelt nicht mehr als irrelevant abzutun, nach dem in der Eso-Szene so beliebten Motto: Die Außenwelt ist das, was deine Gedanken erschaffen haben.

Seit mehr als zwanzig Jahren verfolge und begleite ich nun als Journalist und Akteur diese Szene, die einen Ansatz verfolgt, der tatsächlich historisch neu ist. Sie hat Seiten, bei denen mein Herz jubelt und für die ganze Welt neue Hoffnung schöpfen möchte ob dieser Lichtgestalten. Und sie hat Schattenseiten, angesichts derer ich mich manchmal verschämt zurückziehen möchte und es mir peinlich ist, wie sehr ich diese Szene jahrelang publizistisch unterstützt habe. Wir stellen sie hier mit mehr als zwanzig ihrer Repräsentanten und Akteure vor, darunter einige, die diese Szene entscheidend geprägt haben und das noch immer tun. 

Ramana, Osho, Poonja

Diese religiöse, philosophische, inzwischen großenteils auch ökologische und politisch aktive Bewegung beruft sich in ihren spirituellen Wurzeln vor allem auf drei indische Mystiker: den südindischen Weisen Ramana Maharshi (1879-1950), den religösen Anarchisten Osho (früher Bhagwan genannt, 1931-1990) und den ebenso unbezähmbaren Poonja (der »Löwe von Lucknow«, 1910-1997), den seine Anhänger liebevoll Poonjaji oder Papaji nennen. 

Bevor ich zu einer Kritik der Paradigmen dieser Szene ansetze, möchte ich sagen, was ich an diesen Menschen bewundere und an ihren Konzepten für gut halte. Allem anderen voran haben diese Leute mit der Idee aufgeräumt, dass es zwischen dem einzelnen Menschen, wie er hier auf der Erde lebt und jedweder Art von Jenseits oder Anderswelt – nennen wir sie nun Gott, das Göttliche, höhere Ebenen oder sonstwie – einen Vermittler bräuchte. Einen vermittelnden Menschen oder ein vermittelndes, einweihendes Ritual oder sonst eine Gnade oder Erlösung bringende Methode. Was uns zu glücklichen, reifen, weisen und guten Menschen macht, ist nicht die Aufnahme in einen Club in irgendeiner Hinsicht besserer Menschen, sondern allein Einsicht, und die kann durch Innnenschau gewonnen werden. Priester, Brahmanen oder Schamanen braucht es nicht, und schon gar nicht irgendwelche Hierarchien. 

»Erkenne dich selbst« ist das Motto dieser Szene, also das, was schon Heraklit, der Mystiker unter den Vorsokratikern der griechischen Antike forderte, und dann Sokrates und mit ihm die philosophische Elite des Mittelmeerraums und Europas viele Jahrhunderte lang, teils bis heute. Die Forderung nach Selbsterkenntnis ist nichts spezifisch Asiatisches, sie ist nur in den vergangenen 500 Jahren, in denen Europa die Welt eroberte und unterjochte, stark in den Hintergrund getreten.

Die mystische Erfahrung

Als der deutsche Liedermacher Reinhard Mey 1996 in seinem Lied »Sei wachsam« sang: »Der Minister nimmt flüsternd den Bischof beim Arm: Halt du sie dumm, ich halt sie arm« brachte er das gut auf den Punkt, wogegen der 1990 verstorbene indische Meister und schonungslose Systemkritiker Osho jahrzehntelang unter der Überschrift »Priester und Politiker« gewettert hatte: Die weltlichen Institutionen halten uns ebenso gefangen wie die »andersweltlichen«, die religiösen. Es liegt am einzelnen, sich zu befreien, und dieser Befreiungsweg ist zunächst die Innenschau, die Mystik. Kollektive »Befreiungen« sind immer eine Art von Massenhypnose. Erst wenn es ein paar wirklich radikal innerlich Befreite gibt, macht es Sinn, dass sich die wieder gruppieren und politische Aktionen starten, weil sie dann in der Außenwelt nicht mehr bloß ihre inneren Dämonen bekämpfen – das zumindest ist der Ansatz der Advaita-Bewegung. Die übrigens nicht durchweg mit unnötigen Hierarchieen aufgeräumt hat, was sich in einigen Einzelfällen auch in der Arbeit an diesem Heft als störend erwies.

Der Mensch auf seiner Suche nach Wahrheit, Glück, Liebe oder Erkenntnis ist »sich selbst ein Licht« wie Buddha einst sagte. Andernfalls bleibt er weiterhin im Dunkel. Das, was wir heute »spirituelle Erfahrung« nennen, hat nichts mit Geistern zu tun, in den meisten Fällen auch nicht mit Licht in engeren, sinnlichen Sinn, sondern ist in der Essenz eine mystische Erfahrung, eine Verschmelzung des Beobachters mit dem Beobachteten, ein Verschwindens des Ichs, wobei das Ich hier verstanden wird als der blinde Fleck jedweder Beobachtung, von dem aus betrachtet wird, ohne dass diese Stelle selbst betrachtet wird. Die mystische Erfahrung geschieht also zwischen dem Individuum und dem Ganzen, aus dem sich das Individuum durch seine Ich-Instanz vermeintlich herausgelöst hat. 

Die Rückkehr auf den Marktplatz

So weit, so gut. Religiöse Institutionen und Hierarchien sind nun als überflüssig erkannt oder sogar als mehr als nur das, als störend. Transzendenz, Weisheit, Glück, Liebe, Unsterblichkeit, Erleuchtung geschehen hier und jetzt oder gar nicht. »Imagine there is no heaven, … above us only sky«, sang John Lennon. Wir brauchen keine Jenseitsmythen. Sie sind »Opium fürs Volk«, wie Karl Marx es einst nannte. Und ganze Industrien verdienen an diesem Handel mit Opium, überwiegend gesteuert von Menschen, die selbst nicht an diese Mythen glauben, sondern aus der Tatsache, dass andere daran glauben, ihren Nutzen ziehen. 

Aber etwas fehlt noch bei dieser radikalen Systemkritik, und das ist das, was in den zehn Zenbildern (Ten Bulls) aus dem japanischen Buddhismus (die Ursprünge liegen im chinesischen Chan) das zehnte Bild ist: Es stellt die Rückkehr des Weisen auf den Marktplatz dar. Dort geht es dann wieder um das ganz normale, ethisch motivierte Engagement für eine bessere Welt. Diesen Schritt haben die meisten der heute aktiven spirituellen Lehrer (einige auch der hier vorgestellten) noch nicht wirklich vollzogen. Immer nur zu wiederholen, dass das Ich eine Illusion sei und schon alles ist, wie es ist, das ist das Wilbersche Flachland oder auch: spirituelle Kita, ein Kurs für Anfänger. Obwohl unsere Helden Ramana und Papaji sich fast ausschließlich für die Innenwelterforschung stark gemacht haben – wir wollen hier doch nicht Kopien von Ramana oder Papaji werden und nur deren Sprüche wiederholen. Nun ist etwas anderes dran: die Berücksichtigung auch der Außenwelt, die wir durch weitere Pilgerfahrten zum Arunachala nicht werden retten können, sondern nur durch ein parallel zur Innenwelterforschung erfolgendes ökologisches und politisches Engagement.

Kinderkrankheiten

Die heutige Advaita-Szene hat Schwächen. Die würde ich »Kinderkrankheiten« nennen, denn ich meine, dass diese Szene eine Avantgarde ist, eine Vorhut. Sie probiert etwas aus, das andere vor ihr noch nie so gemacht haben und ist insofern viel fehleranfälliger als andere, alte spirituelle Bewegungen (die dafür andere Schwächen haben – Verkrustung). Sie ist ein Labor, eine Werkstatt spiritueller, ökologischer und sozial-politischer Praxis. Trotz Ausreißern in den Mainstream wie etwa Eckhart Tolles Auftritt bei Oprah Winfrey im Jahr 2000 ist die Szene, die sich so intensiv und radikal mit der Selbsterforschung beschäftigt, bis jetzt noch eine soziale Randgruppe. In ihr keimt jedoch die Chance, mit den religiösen Hierarchien, mit Priestertum, Klerus und anderen ähnlich anmaßenden Institutionen der alten Welt aufzuräumen in einer Weise, wie die französische Revolution von 1789 mit der Ständegesellschaft aufgeräumt hat. So wie heute Kannibalismus und Sklaverei als obsolet erscheinen – man kann es sich einfach nicht mehr vorstellen, dass man einen anderen Menschen essen oder wie ein Ding besitzen kann – so wird man sich in fünfzig Jahren nicht mehr vorstellen können, dass ein anderer Mensch einem den Zugang zum »Reich Gottes«, zur Transzendenz oder Erleuchtung verwehren kann. Das Gros der religiös ausgerichteten Gesellschaften der Welt glaubt ja heute noch, dass gewisse Menschen qua Einweihung (die Priester) oder qua Geburt (die Brahmanen) dazu befähigt seien, uns diesen Zugang zu ermöglichen oder zu verwehren. Im Weltlichen entspricht das dem Dünkel von Adel, Rasse, Ethnie. 

Was heißt da »Erwachen«?

Viele Außenstehende, die diese Szene beobachten, fremdeln bei dem hier verwendeten Begriff des »Erwachens«, und auch innerhalb der buddhistischen, Sannyas- und Advaita-Szenen, die sich untereinander stark vermischen, ist der Umgang damit sehr unterschiedlich. Im Buddhismus wird am wenigsten vom Erwachen gesprochen. Unter den Sannyasins schon etwas mehr, aber die angeblich Erwachten werden dort eher belächelt als Möchtegern-Erwachte oder Osho-Schüler mit besonders großem Ego. In der Advaita-Szene hingegen hat man manchmal den Eindruck, dass es trotz Advaita, was ja »nicht zwei« bedeutet, nun doch wieder eine Zweiteilung gibt zwischen schon Erwachten (es werden immer mehr) und den noch nicht Erwachten, die überwiegend danach fiebern, auch endlich zu erwachen. 

Gibt es überhaupt sowas wie ein Erwachen? Oder ist doch eher so, wie dieser alte Spruch es ausdrückt: Erwachen gibt es nur für nicht Erwachte – für die Erwachten sind alle erwacht (wobei einige allerdings Verstecken spielen). Ich meine, dass es auf dem Weg der menschlichen und insbesondere spirituellen Entwicklung einen solchen Knick in der Biografie durchaus geben kann, eine Wende, nach der alles als anders erscheint. Aber es muss diesen Knick nicht geben. Auch die Biografien, in denen die Entwicklung hin zur Weisheit und Reife undramatischer verläuft, kann man wertschätzen, so wie das der Soto-Zen in Japan seit Jahrhunderten tut, bei dem im Gegensatz zum Rinzai-Zen das Erwachen (dort Satori genannt) keine große Rolle spielt. Und Soto ist nicht der schlechtere Zen, sondern nur anders. Und auch wenn das Erwachen ein Ereignis ist: Es kann auf leisen Pfoten daher spaziert kommen oder mit einem lauten Schrei. Es kann die Person, der es passiert, in Depression stürzen oder bleibende Glücksgefühle auslösen. Es kann fast unbemerkt passieren, oder »es ist danach alles anders«. So verschieden wie das Lachen der Menschen sind auch ihre Erwachenserlebnisse, vom Giggeln und Kichern über das Explodieren in schallendem Gelächter. Und es gibt auch das Schmunzeln.

Es ist leer

Noch bevor ich meine spirituelle Reise im engeren Sinne begann, studierte ich in München am Philosophischen Seminar II der LMU Sprachwissenschaft. Buchtitel wie »Das Sein und das Nichts« (das Hauptwerk von Jean-Paul Sartre) und die Äußerungen von Heidegger waren für uns Quelle nicht endender Belustigung, denn als kritische Analytiker von Sprache war für uns das Wort »Sein« nichts als die Versubstantivierung von »ist« – was wir als = verstanden, als Gleichheit, oder als Zugehörigkeit zu einer größeren Menge, wie man sie in der Mengenlehre versteht, etwa in dem Satz »Der Apfel ist eine Frucht«. »Nichts« bedeutete für uns nur die Abwesenheit von etwas. Beide Begriffe waren also leer. Anders gesagt: Sie waren sinnlos und beruhten auf einem Missverständnis dessen, was Sprache leisten kann. Ludwig Wittgenstein, mit seinem Diktum »Worüber man nicht sprechen kann, darüber soll man schweigen«, war da also schon einen Schritt weiter als Heidegger & Co.

Heute lese ich in der Wikipedia, dass Worte wie »hier«, »jetzt« und »ich« in der Sprachwissenschaft als deiktische Begriffe (von griechisch »zeigen«) gelten. Sie ändern ihre Bedeutung je nach Standpunkt des Sprechers. Je nachdem wer »ich« sagt, es ist jedesmal ein anderer gemeint, und je nachdem wann jemand »jetzt« sagt, ist ein anderer Zeitpunkt gemeint. Ebenso mit »hier«. Was sind wir doch für Idioten, wenn wir aus diesen schlicht rückbezüglichen, auf uns selbst oder den gegenwärtigen Ort oder Zeitpunkt verweisenden Begriffen eine ganze Philosophie machen! Es gibt da nichts zu philosophieren. Wir können diese Begriffe allerdings als Wegweiser in eine sprachfreie Tiefe verwenden, indem wir uns in sie hineinfallen lassen, denn sie sind tatsächlich leer. Es gibt weder das Hier noch das Jetzt noch das Ich. Alle drei Begriffe verweisen nur auf etwas, das ständig anders ist, sich nicht fassen lässt und deshalb nicht beschrieben und bezeichnet werden kann – das ewige Hier&Jetzt, wie die spirituellen Sucher es nennen.

Ist das komisch?

Für Außenstehende mag die Satsang-Bewegung in ihren Formen bizarr aussehen. Ist sie lächerlich? Kommt drauf an, wie man hinschaut. Wie überall liegt auch hier die Komik im Auge des Betrachters. Auch die Tätigkeit der heutigen politischen und wirtschaftlichen Eliten kann man so betrachten, als würde man ein Theaterstück anschauen, in dem die Figuren sich bemühen, als Karikaturen ihrer selbst aufzutreten, dabei aber die Zähne zusammenbeißen, um ernst zu bleiben, so dass keiner merkt, dass das Stück nur eine Komödie ist. 

Man kann die Ereignisse in der Welt und sich selbst als etwas Tragisches betrachten, Grund genug gibt es reichlich, aber man kann sie auch als etwas Komisches ansehen. Insbesondere sich selbst kann man als komische ebenso wie tragische Figur ansehen. Welche Variante wir wählen, die komische Art der Betrachtung oder die tragische, liegt weitgehend an uns selbst. Im Idealfall geht es uns wie mit dem Schieberegler einer Audio-Anlage, wo wir einstellen können, wie sehr wir den linken oder den rechten Kanal hören: Alles nur tragisch? Dann schieb ein bisschen weiter nach rechts rüber, da wird es komisch. 

Mitgefühl mit den Leidenden verleitet uns, die Ereignisse in der Welt als etwas Tragisches anzusehen. Das ist insofern gut, als es uns motiviert, daran etwas zu ändern und uns für gute Zwecke zu engagieren. Das kann aber auch in Fatalismus enden, denn was können wir schon tun angesichts des Ausmaßes von all diesem Leiden? Da hilft es dann vielleicht, die Möglichkeit der Betrachtung der Ereignisse als etwas Komisches ins Auge zu fassen – und vor allem sich selbst als eine komische Figur zu sehen, nach dem Motto von Osho: »Sei dir selbst ein Witz«. Das hatte er, hier ganz der crazy wisdom master (Meister der verrückten Weisheit) in Abwandlung von »Sei dir selbst ein Licht«, Buddhas letzten Worten, formuliert. Dann hört erstens das Selbstmitleid auf, das in der Regel jedwede Aktion behindert. Zweitens hören auch die Streits zwischen zum Beispiel den politischen Aktivisten auf, von denen jeder der klügere und illusionslosere Weltverbesserer sein will – wenn sie sich auch ein bisschen als komische Figuren empfinden können, entspannt das im Miteinander und erleichtert die Koordination der Aktionen.

Wenn ich auf der Bühne, wo ich gelegentlich als Satsanglehrer Shri Shitananda auftrete, mich dort von meiner Mitarbeiterin mit dem Nirvanometer testen lasse und sie dann feststellt, dass meine Ausstrahlung aktuell nur 35 Lux aufweist, obwohl man doch in der EU erst ab 55 Lux Satsang geben darf, dann ist das eine solche Selbstkarikatur. Ich bewahre mich so davor, von anderen für weise gehalten und dann entsprechend angeglotzt zu werden. Nein, nicht wirklich … , in meinem Falle genügt doch, dass die Leute ein bisschen was von mir aus meinem Alltag wissen, dann hält mich keiner mehr für weise. Ich wollte mit dieser Nummer nur sicherstellen, dass mich niemand im Ernst für einen spirituellen Lehrer hält. Pures Sicherheitsdenken. Vielleicht bin ich im Enneagramm doch eine Sechs und keine Fünf?

Ist das Kitsch?

Unter den Erleuchtenen und Erwachten gibt es Lebensbeschreibungen, die ich als kitschig empfinde. So wie es kitschige christliche Religiosität gibt, mit Jesuskindlein, Barockengeln und dem lieben Gott, so gibt es auch kitschige Erleuchtungs- und Erwachensreligiosität. Das heißt nicht, dass Erleuchtung eine unsinnige Fiktion wäre und Jesus wie Buddha Idioten waren, sondern nur, dass es in der Kunst einerseits Kitsch und andererseits hohe Kunst gibt, und in der Religiosität ist es ebenso. Dass es Liebesschnulzen gibt, die bei Schlagerwettbewerben vorgetragen werden, beweist ja nicht, dass unser Glauben an die Liebe nur ein kitschiger Unsinn wäre, sondern es zeigt, dass es solche und solche Arten des Ausdrucks gibt und Unterschiede in der Tiefe des Verständnisses. Die sogenannte »Volksfrömmigkeit«, wie Ethnologie und Religionswissenschaft sie beschreiben, ist nicht etwa eine per se zu verurteilende Art der Religiosität. Oft wird sie sogar ethisch höher bewertet, was die Aufrichtigkeit und Güte im Miteinander anbelangt, als die Religiosität der Gebildeten und Gelehrten, die doch viel besser wissen müssten, was Jesus und Buddha nun genau meinten. Die es aber nicht im Alltag umsetzen können. Und so ist es auch mit den Fans von Ramana, Osho und Papaji und den Verehrern der Advaita-Lehrer im Allgemeinen. Man ist begeistert von Ramana (Oh, dieses Gesicht, diese Augen!) und der Tiefe seiner Frage »Wer bist du?«. Man ist fasziniert von Eckhart Tolles Botschaft »Die einzige Wirklichkeit ist jetzt!«, kann es aber beides nicht realisieren, sondern nur verehren, weil es irgendwie als richtig erscheint, und plappert diese Sprüche dann nach. Ja, es gibt diese Unterschiede. Die ganze Bandbreite zwischen tiefer Religiosität und Flachland gibt es auch im Advaita.

Politik und Spiritualität

Als Grünen-Chef Cem Özdemir Anfang August in der ARD sich für eine Bewaffnung der Peshmerga stark machte, die den von den Kämpfern der IS verfolgten Jesiden geholfen hatten zu entkommen, sagte er: »Das haben sie nicht mit der Yogamatte unterm Arm gemacht, sondern mit Waffen.« Damit brachte er den landläufigen Gegensatz zwischen dem Klischee der gutwillig meditierenden und Yoga übenden Spiris und den vermeintlich realistischeren, sogenannte Realpolitik praktizierenden politisch Aktiven gut auf den Punkt. Jedenfalls aus der Sicht eines Politikers, für den Yoga eine eher egoistische Beschäftigung mit sich selbst und der eigenen Innenwelt oder Körperfitness ist, und für den spirituelle Praktiken angesichts rollender Panzer nur schöngeistige Illusionen sind.

Jakob Augstein, der Herausgeber der Wochenzeitung Freitag schrieb dazu auf spiegel.de: »Und was ist mit Srebrenica, mit Ruanda oder eben jetzt mit den leidenden Jesiden? Dazu hat die frühere Bischöfin Margot Käßmann im Spiegel alles gesagt: 'Es ist interessant, dass Sie immer vom Ende her denken, wenn es keine gewaltfreie Lösung mehr zu geben scheint. Heute existieren viele Friedensforschungsinstitute, die Strategien entwickelt haben, um Konflikte zu vermeiden oder zu schlichten. Aber am Willen hapert es. Das sehen Sie schon daran, dass Deutschland pro Jahr über 30 Milliarden Euro für Militär ausgibt, aber nur 29 Millionen für den Friedensdienst.’« 

Fürs Militär gibt man das Tausendfache aus wie für den Frieden. Kein Wunder, dass man nach dieser Saat am Ende Krieg erntet und nicht Frieden. 

Verschwörungen

Nun noch ein paar Worte zu den Verschwörungsgläubigen, deren Theorien und vermeintliche Fakten dieser Tage mehr denn je das Internet überschwemmen. Sie pflegen durch fleißigen Online-Austausch ihre Vermutungen über geheime Absprachen und Pläne politischer Herrschaft, die angeblich »die Medien« nicht publizieren dürften. Einer ihrer Standardsätze ist: »Das darf man ja nicht sagen!« Das Fatale an dieser anschwellenden Bewegung ist, dass es ja tatsächlich geheime Absprachen und in gewisser Weise als »böse« zu bezeichnende Mächte gibt. Es gibt politische Zwecklügen ohne Ende und massenhaft verdeckte politische wie wirtschaftliche Kriegführung. Nur verhindert der Fanatismus dieser Gläubigen leider ein kühles Untersuchen der Tatsachen, was zur Folge hat, das diesen überwiegend höchst idealistisch motivierten und einsatzbereiten Menschen wirklich positive Veränderungen in der Welt kaum je gelingen, denn sie sind nicht im Besitz geheim gehaltener Tatsachen, sondern es sind umgekehrt diese nur vermeintlich geheimen Tatsachen, die man ja überall im Internet nachlesen kann, im Besitz dieser Menschen – sie sind von ihnen besessen. Die meisten von ihnen – nicht alle – sind der beste Beweis dafür, dass eine einseitige Außenweltorientierung ohne schonungslose Prüfung der eigenen Innenwelten zu keinen guten Ergebnissen führt. 

Innere Arbeit

Hier kann die innere Arbeit ansetzen, wie sie etwa Byron Katies »The Work« anbietet mit der Frage »Wer wäre ich, wenn ich das nicht glauben würde?« Oder die Methoden von Harry Palmers Avatar, die in tage-, wochen-, jahrelangen introspektiven und interaktiven Übungen akribisch untersuchen, wie weit unsere Überzeugungen die Brillen erschaffen, durch die wir die Welt betrachten. Wir sind ja nicht diese Überzeugungen, das ist die Essenz aller dieser tief gehenden spirituellen Lehren – wir sind die Leinwand, auf denen diese Überzeugen kommen und gehen. Manchmal wollen sie schier nicht weggehen, diese alten Überzeugungen, wir haften an ihnen, klammern uns an sie und fühlen uns verloren, wenn wir sie nicht mehr haben. Bis dann die Erfahrung der Leere, der wir in der Meditation begegnen können, in diesem Heft von vielen als »Erwachen« beschrieben, uns davon befreit. Erst nach solcher befreienden Erfahrung können wir uns Gewissheiten zulegen, die wir besitzen und nicht mehr sie uns. Dann können wir uns Überzeugungen, Meinungen, Haltungen zulegen, die uns und der Welt gut tun, und über die wir auch lachen können, wenn wir von anderen Überzeugungen und Weltanschauungen geistig angegriffen werden. 

Die Bösen da draußen

Die Überzeugung dass eine Clique bösartiger Individuen, Gruppen oder Mächte die Welt im Griff hat, tut niemandem gut. Sie ist überwiegend – nicht nur, aber überwiegend – die Projektion bösartiger Anteile der eigenen Persönlichkeit in die Welt hinaus. Erst wer seine Hausaufgaben gemacht hat, seine Erforschung der inneren Schatten und blinden Flecke, erst wer sich mit den inneren Dämonen auseinander gesetzt hat, kann unbefangen auf die Außenwelt schauen, wer dort wirklich eine böse Kraft ist – ja, die gibt es! – und wer nicht. 

Wenn ich mir die gefilmten Interviews mit Edward Snowden ansehe, habe ich den Eindruck von einem Menschen, der keine inneren Dämonen auf die Leinwand der politischen Ereignisse wirft. Er weiß um die realen Verschwörungen, die es gibt. Die sind schlimm genug. Da müssen wir nicht auch noch unsere inneren Dämonen mit ins Spiel bringen und Bosheit am Werk vermuten, wo nur Dummheit am Werk ist. Die Dummheit der Weltmacht USA im Umgang mit Israel, Irak, Afghanistan und vielem anderen – sie schadet sich selbst in krasser Weise durch ihr, was das Innere anbelangt, blindes Vorgehen. Diese Menschen »wissen nicht, was sie tun«, wie Jesus es nannte. Hätten böse, aber hochintelligente Strategen diese Aktionen entworfen, dann hätte das Vorgehen der Weltmacht nützen müssen, die doch nach 1989 in der Pole Position war und wie nie vorher eine andere Macht der Welt in den Jahren nach dem Auseinanderfallen der Sowjetunion die Welt beherrschen konnte. Das Gegenteil ist der Fall, es hat den USA geschadet. Solchen Schaden kann nur Dummheit anrichten.

Das Böse in mir

Als Bruno Ganz in »Der Untergang« Hitler spielte, gab er dem Bösen ein menschliches Gesicht. Er enthüllte den Bösen, er deckte seine menschliche, biedere Seite auf, er entdämonisierte ihn. Mit solcher Art der Enthüllung sollten wir »Innenweltbewusste« auch an die banalen Schreckensherrscher der heutigen Welt herangehen, um sie von innen heraus zu verstehen, so dass wir ihnen nicht erliegen und auch nicht im Kampf gegen sie ihnen ähnlich werden. Die Chefs von Weltbank, Monsanto und Nestlé sind als Menschen eher biedere Charaktere, aber ihr Wirken ist in ungeheurer Weise schädlich, anscheinend ohne dass das ihr Gewissen erreicht. Wenn wir sie allerdings zu Ungeheuern machen, wie es die vermeintlich aufgeklärten Verschwörungsentdecker tendenziell tun (mehr noch von den unsichtbaren Hintermännern glauben sie das), dann sind sie damit nicht aufgeklärt, sondern unrealistisch. Menschen sollten wir als Menschen verstehen. Wer aus ihnen wegen unverarbeiteter eigener Geschichten Ungeheuer macht, erliegt ihrer Magie auch dann in gewisser Weise, wenn er in ihnen Feinde sieht.

Die Gefahr der Ego-Entsorgung

Mooji, einer der in diesem Heft von Connection vorgestellten Advaitalehrer, zitiert seinen Lehrer Papaji, auf den sich auch die meisten der heutigen Satsanglehrer als Quelle beziehen: »Wenn du mit der Wahrheit eins sein willst, musst 'du' völlig verschwinden.« Das Ego, das Ich muss verschwinden, der Tropfen muss in den Ozean fallen, um dann dort ohne Unterschied zu all den anderen Milliarden von Tropfen im Großen Ganzen des grenzenlosen Wassers weiterzuexistieren. Böse Zungen könnten nun sagen, Satsang sei »die Endlösung der Ego-Frage«. Auch wenn solch eine Anspielung politisch höchst unkorrekt ist: Mich erschreckt der ans Totalitäre grenzende Eifer, mit dem manche Anhänger des Advaita ihr Ego ein für alle mal entsorgen wollen. 

Die Satsang-Bewegung führt die Menschen in die Stille, in Meditation und Gewahrsein und die Vollkommenheit des gegenwärtigen Augenblicks, in dem alles schon da ist und nichts erreicht werden muss. Gut so. Aber diese Praxis – eigentlich ist es eher die sie begleitende Denkweise, nicht die Praxis – hat eine Schattenseite, und das ist ihr Umgang mit dem Ego. So sehr wie der Glaube an die Festigkeit der Ich-Identität eine Illusion ist, so sehr ist auch der Glaube an die Freiheit vom Ich als Pforte zu himmlischem Glück (oder irdischen Ekstasen) eine Illusion. Das Loslassen des Ego kann sehr schnell in Zustände führen, die zu Recht als pathologisch gelten. Auch die Beschreibung des erwachten Zustandes als ein Dasein ohne Ich-Identität finde ich höchst gefährlich. Es stimmt schlichtweg nicht, dass die Erwachten ohne Ich oder ohne Ego oder Persönlichkeit existieren würden. Dazu habe ich zu viele von ihnen getroffen mit Eigenschaften, die jeder normale Mensch als Ego bezeichnen würde. Zu sagen, in der Person dieses oder jenes Erwachten stimme das Universum mir zu oder lehne Gott mich ab, ist Größenwahn. Nein, du bist es, der da Ja sagt oder Nein, dem das Essen schmeckt oder ein Anblick gefällt, dem die Matraze zum Schlafen behagt oder eben nicht behagt, und nicht das durch dich transpersonal wirkende Universum – es sei denn, wir einigen uns darauf, dass das Universum auch durch mich und alle anderen Menschen wirkt, nur eben auf jeweils individuell ein bisschen andere Weise.

Das Ego kann man nicht entsorgen und auch nicht überwinden. Jeder Versuch, das zu tun, ist wieder ein Versuch derselben Instanz, die da überwunden werden soll, und verschlimmert die Situation deshalb nur noch. Warum wird in den Therapien eine stabile, »gefestigte«, Persönlichkeit für gut befunden? Warum gilt in den Körpertherapien das »Kollabieren« als etwas Negatives? Weil es bei der ungefestigten oder kollabierenden Person keinen mehr gibt, der ein klares Ja oder Nein sagen kann. Keinen, der Grenzen setzt, Würde bewahrt und sich nicht missbrauchen lässt. Gemäß der Theorie der Egoüberwindung müsste ein erwachter, egoloser Mensch eigentlich ohne Festigkeit sein und ständig gegenüber Impulsen aus der Umwelt kollabieren – das kann es doch wohl nicht sein.

und der Anti-Ego-Terror

Damit will ich den Begriff »Ego« für den Alltagsgebrauch in Fällen von Arroganz, Eitelkeit oder manipulativer Gekränktheit nicht generell ablehnen. Dort kann er ein egoistisches Verhalten beschreiben, das der Umwelt dieses Menschen schadet und so früher oder später auch ihm selbst. In allen diesen Fällen ist das »egoistisch« genannte Verhalten ein unintelligent Eigennütziges. Der Fehler ist dabei nicht das Erstreben von Eigennutz, sondern das Fehlen von Intelligenz im Durchsetzen des Eigennutzes alias des Egos. Das Entsorgen des Ich-Gefühls, der Ich-Identität, die da als Ego beschimpft wird, ist nicht die Lösung, geschweige denn ein Allheilmittel. Im Gegenteil: Die Anti-Ego-Philosophie ist perfekt geeignet für die verschiedensten Arten von Unterdrückung: Wenn ich erleuchtet bin, also egolos, und du tust etwas, das mir stinkt, dann kommt das natürlich aus deinem Ego; und wenn ich dann aus meiner unendlichen göttlichen Liebe heraus dir das klarzumachen versuche, ist das ein Zen-Stock, den dein Ego natürlich nicht akzeptieren kann – und schon haben wir die orwellsche Vision einer spirituellen Schreckensherrschaft.

Das spirituelle Ego

Tschögyam Trunkpas Buch Cutting through Spiritual Materialism von 1973 (auf Deutsch Spiritueller Materialismus, 1975) brachte Einsicht in das Problem des spirituellen Egos auch unter den spirituellen Suchern dieser Zeit. Im Buddhismus wird diese Art der Arroganz »Gestank der Erleuchtung« genannt. Sie ist so schwer zu erkennen, sagt der Satsanglehrer und Bodhisattva-Ausbilder Torsten Brügge (in diesem Heft auf S. 33), weil sie sich so gut als »tief erleuchtet« tarnt. Und Eli Jaxon Bear, der Advaita-Lehrer und Ausbilder so vieler der heutigen Advaitalehrer, spricht (hier auf S. 38/39) über seine Aufgabe als »zweiter Helfer« beim Abschlagen der Schlacken, die sich nach der Erleuchtung im nun runderneuerten Ego doch wieder festgesetzt haben.

Der leere Stuhl

Für die Zeit nach seinem Tod hinterließ Osho bewusst keinen Nachfolger, sondern wies an, dass bei den Meditationen und dem Abspielen der Filme seiner Reden in den Sannyas-Zentren ein leerer Stuhl auf der Bühne stehen sollte als Symbol der Leere, aus der heraus der Erwachte spricht, frei von persönlichen Anhänglichkeiten. Einige der heutigen Satsanglehrer haben damit experimentiert, indem sie im Satsang den Stuhl verließen, von dem aus sie »Satsang gaben« (merkwürdiger Begriff) und die »Satsangnehmer« (die nirgends so genannt werden, man spricht nur vom »Satsang geben«) baten, sich in den Stuhl zu setzen. Die meisten machten dann die Erfahrung, dass sie von dort aus genauso weise sprechen konnten, wie vorher ihr Lehrer. 

Es ist eben nicht die Person entscheidend für das, was das gesagt wird, sondern der Raum, aus dem heraus sie spricht. Dieser Raum ist zwar ein innerer, aber die Inszenierung der Satsangs (Bühne mit Stuhl, meist erhöht, davor die Reihen der niedriger Sitzenden) macht den inneren Raum zu einem äußeren und – sieh da, von dort oben aus sprechend bist auch du mit Weisheit gesegnet! Präsenz ist eine Sache der Inszenierung. Nicht nur unsere politischen und wirtschaftlichen Veranstaltungen sind eine Show, auch Satsang ist Theater – es kommt nur darauf an, ob es ein gutes Stück ist, das wir da spielen oder ein schlechtes.

Es braucht Geduld

Die Satsang-Bewegung ist noch jung. Der Buddhismus hat trotz der vielen, die noch zu Lebzeiten des Buddha erwachten, 300 Jahre gebraucht, um den Mahayana zu entwickeln mit dem Bodhisattva-Gelübte, der hohen Bedeutung des Mitgefühls und der Loslösung von der Regelverhaftung des frühen Buddhismus. Die Satsang-Bewegung scheint in weniger als einem Fünftel der Zeit zu schaffen, was der Buddhismus damals in 300 Jahren schaffte und die meisten anderen Religionen nie schaffen. Es ist also Geduld angesagt gegenüber den Kinderkrankheiten einer spirituellen Bewegung, die manchmal so tut, als würde es genügen einzusehen, dass das Ich eine Illusion ist und das ichfreie Dasein im Hier&Jetzt die Lösung sei. Menschliche Reifung spielt auch bei denen eine Rolle, die den Advaita-Weg gehen, in den Fußstapfen von Ramana, Osho, Papaji oder einem der neuen Lehrer. Manches braucht eben Zeit, und die Aneignung eines neuen Jargons ist noch nicht die ersehnte spirituelle Befreiung.

 

www.jetzt-tv.com ist eine Plattform für Satsang-Videos, Festival-Filmberichte und Interviews mit spirituellen Lehrern und weisen Menschen. Ihr engagierter Gründer und Leiter Devasetu Wolfram Umlauf hat es sich mit dieser viel genutzten Webseite zur Aufgabe gemacht, den Erwachten, Weisen und Aufgeweckten aus der Advaita-Szene als Sprachrohr zu dienen, damit ihre oft leisen Töne in der heutigen Informationsflut nicht überhört werden.

TEXT: Wolf Schneider, Jg. 1952. Autor, Redakteur, Kursleiter. Studium der Naturwissenschaften und Philosophie (1971-75) in München. 1975-77 in Asien. 1985 Gründung der Zeitschrift connection. Seit 2008 Theaterspiel & Kabarett.
Kontakt: schneider@connection.de

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geschrieben von: LADEVA | am 17.11.2014