Kommunikation und Sexualität: ein unzertrennliches Paar

© Stephan B. - pixelio.deSexualität ist unsere ursprünglichste Kommunikationsmöglichkeit

Wir Menschen sind auf Bindung und Beziehung programmiert. Bindung und Zugehörigkeit entstehen durch unterschiedliche Formen der Kommunikation.
Werden in einer partnerschaftlichen Beziehung alle Kommunikationsebenen - von der verbalen bis zur sexuellen Ebene - gelebt, dann lässt sich das Potenzial der Beziehung vollkommen ausschöpfen. Eine offene Kommunikation, die von gegenseitiger Wertschätzung und dem Verständnis für den anderen und sich selbst geprägt ist, fördert die Beziehung grundlegend.
Wer sich in einer partnerschaftlichen Beziehung verstanden und wahrgenommen fühlt, kann sich öffnen und fühlt das Bedürfnis, zu berühren und berührt zu werden. Die Sprache der Berührung öffnet den Weg zur Sexualität. Andererseits haben gegenseitige Verletzungen, Missverständnisse und das Gefühl, in der Beziehung nicht verstanden zu werden, Einfluss auf die miteinander gelebte Sexualität. Fühlt sich einer der Partner vernachlässigt, ignoriert oder ausgenutzt, neigt er dazu, sich zurückzuziehen. Die erste Form des Rückzugs ist meistens jene auf der körperlichen Ebene.

In diesem Artikel können wir erfahren, wie Kommunikation und Sexualität eine Partnerschaft beeinflussen und welche Möglichkeiten zur Verfügung stehen, sich offen auf beide Aspekte einzulassen.

Sexualität ist die intimste Form der Kommunikation
Sexualität ist die ursprünglichste Kommunikationsmöglichkeit, die uns Menschen zur Verfügung steht. Das leibliche Erleben der Liebe beginnt in unserer persönlicher Entwicklung vor dem Spracherwerb. Die Berührung war immer die wichtigste Kommunikationsform, die auch den Anfang unseres Lebens auszeichnet.
Die Lebensqualität eines Menschen ist mit der Erfüllung seiner psychosozialen Grundbedürfnisse verbunden. Zugehörigkeit, Annahme, Wertschätzung, Zuwendung, Nähe, Wärme, Respekt, Geborgenheit, das Geben und Nehmen von Liebe gehören zu diesen Grundbedürfnissen. Sex hat in der Erfüllung dieser Grundbedürfnisse eine zentrale Bedeutung. Die gegenseitige Berührung, das miteinander verbunden sein und füreinander da sein, stellen die körperliche Erfahrbarkeit von Bindung dar.

Wie ist es in Ihrer Beziehung?
Lesen Sie die folgenden Sätze durch und definieren Sie für sich spontan, ob diese Aussagen auf Ihre Partnerschaft zutreffen oder nicht.
Wenn mindestens fünf dieser Aussagen auf Ihre Partnerschaft zutreffen, dann haben Sie einen guten Boden, auf dem Sie die Entfaltung Ihrer Partnerschaft unterstützen können. Möglicherweise sind einige dieser Aussagen schon Realität in Ihrer Partnerschaft oder stellen wertvolle Ziele dar.

Klare Sprache, berührender Austausch
Eine klare, bewusste Kommunikation stärkt die Wurzeln einer Beziehung. Selbst wenn Sie sich traurig oder schmollend in die Ecke zurückziehen, senden Sie ihrem/-r Partner/-in nonverbale Botschaften zu. Mimik, Gestik, Körperhaltung, Stimmlage und die Auswahl der Wörter, sind die Faktoren, die Ihren Ausdruck beeinflussen.

Beobachten Sie sich! Wie sprechen Sie mit Ihrem/-r Partner/-in? Wie ist die Tonlage Ihrer Stimme? Wie fühlen Sie sich, wenn Sie über Ihre Bedürfnisse oder über das, was Sie in der Beziehung verletzt, äußern?

Die Selbstbeobachtung hilft Ihnen, sich selbst treu zu bleiben und auf den anderen einzugehen. Versuchen Sie sich in die Lage ihres/-er Partners/-in zu versetzen und lassen Sie seine Körpersprache, den Gesichtsausdruck und die Stimme auf Sie wirken. Welche Emotionen empfindet die Person gegenüber von Ihnen und welche fühlen Sie?
Eine wertvolle Möglichkeit auf das Gegenüber einzunehmen ist, ihm aufmerksam und aktiv zu zuhören.

Diese Art des Zuhörens ist ein Zeichen von Respekt, Akzeptanz und liebevoller Zuwendung. Bekommt Ihr/-e Partner/-in das Gefühl, dass Sie ihm/ihr Ihre ungeteilte Aufmerksamkeit schenken, so signalisieren Sie, dass er/sie Ihnen wichtig ist und sofort fühlt er/sie sich Ihnen gegenüber sicherer und entspannter.

Durch diese Einstellung können Sie einen ehrlichen Selbstausdruck erreichen und begegnen dadurch Ihrem/-er Partner/-in mit Wertschätzung. Die daraus resultierende Offenheit lässt Nähe, Bedürfnis nach Berührung und Zugehörigkeit entstehen.

Die heilende Wirkung der Berührung
Der Körper spricht mit uns in Form von Sinneswahrnehmungen, Gefühlen, Gedanken, Worten und Ereignissen, die uns widerfahren. Er drückt seine Bedürfnisse ähnlich einem Kind aus, das in unserem Inneren wohnt und mit uns durch die Welt wandert.
Lernen Sie, Vertrauen zu Ihrem Körper und Ihrer Sexualität zu haben, empfangen Sie sie als fließende Lebensenergie und entdecken Sie eine leidenschaftliche Ebene, die Sie hingebungsvoll leben können.
Lassen Sie den Impuls der sexuellen Kraft in Verbindung mit Respekt und Vertrauen in Ihr Herz. Wie bei einem Tanz zerfließen bei dieser Verbindung die individuellen Grenzen und eine Zweisamkeit entsteht, in der jeder seine Identität bewahren darf.
Die Berührung ist also im Grunde die erste Sprache, die wir erleben. Über die Berührung nehmen wir Grenzen wahr und erfahren Geborgenheit, Liebe, Zuwendung, Bestätigung und die Bereitschaft, sich mit uns zu beschäftigen.
In der Partnerschaft unterstützt uns die Berührung dabei, Isolation und Verletzungen aufzulösen und den Mut zu finden, über unsere Verletzungen zu sprechen und so langsam aus der Isolation herauszufinden.

Durch den regelmäßigen Berührungsaustausch zwischen den Partnern wird die Liebe immer wieder bestätigt. Eine verbale Äußerung wie: „Ich liebe dich“, vielleicht auch noch zwischen Tür und Angel gesagt, besitzt nicht so viel Kraft und geht nicht so tief, wie es eine liebevolle, klare und aufmerksame Berührung vermag. Eine Berührung ist nicht nur eine Bestätigung der Liebe für den Partner – dafür, dass man geliebt wird und liebt –, sondern auch für unsere Kinder und Freunde. Bei Menschen, die wir lieben, sollten wir unsere Gefühle und unsere Liebe durch Berührungen manifestieren.

Die liebevolle Berührung in einer Partnerschaft lässt unser Herz öffnen und bereitet den Weg für eine erfüllende Sexualität. Durch die gegenseitige Berührung sind wir im Hier und Jetzt präsent, wir kommen uns näher und kommunizieren vieles, das sich nicht leicht auf verbaler Ebene zum Ausdruck bringen lässt. Berührung gehört zum alläglichen Leben. Wenn wir jemanden liebevoll berühren, dann erfassen wir seine Persönlichkeit in einem höheren Maße und auch ehrlicher, als mit dem gewöhnlichen Ausspruch: „Ich habe dich lieb“. Eine zärtliche und bewusste Berührung in der Partnerschaft verleiht Geborgenheit und lässt dem Paar gemeinsame Wurzeln der Zweisamkeit entwickeln.

Übung: Einfühlen in den Körper

Mit dieser Einfühlungsübung finden Sie einen tieferen Zugang zu Ihrem Körper und können Ihre Bedürfnisse klarer wahrnehmen.

Vorbereitung
Nehmen Sie sich für diese Übung ca. 1 Stunde Zeit und suchen Sie sich einen ruhigen Ort.

Übung
Setzen oder legen Sie sich hin und berühren Sie mit den Händen Ihren Körper. Platzieren Sie zum Beispiel entweder beide Hände auf dem Bauch oder eine Hand auf das Herz und die andere auf den Bauch. Atmen Sie tief und achten Sie darauf, ein Gefühl der Entspannung zu erreichen. Wenn es für Sie stimmig ist, visualisieren Sie einen Lichtfluss vom Kopf bis zu den Füßen.
Wenn Sie das Gefühl haben, dass Sie den gesamten Körper spüren, richten Sie Ihre Aufmerksamkeit auf Ihr Becken und Ihren Unterleib. Atmen Sie nun tief in diesen Bereich und versuchen Sie, während Sie atmen, Kontakt mit Ihrer Mitte aufzunehmen.
Denken Sie an Augenblicke, an denen Sie liebevolle Berührung genießen konnten. Fühlen Sie Ihren wunderbaren Körper. Atmen Sie tief. Fragen Sie sich, wie Sie berührt werden möchten?
Was bereitet Ihnen Freude und nährt Ihre Sinnlichkeit?
Lassen Sie sich Zeit und tauchen Sie in die Tiefe Ihres Seins, wo Geist und Körper eins werden.
Legen Sie nun beide Hände auf Ihr Herz und genießen Sie das wohlige Gefühl, in Ihrem Körper zu Hause zu sein.

Wiederholungen

Wenn Sie mit der Übung beginnen, ist es empfehlenswert, die ersten 6 Wochen regelmäßig einmal pro Woche zu üben.
 
Foto: © Stephan B. - pixelio.de

geschrieben von: Dr. Ernestina Mazza | am 12.05.2014