Mensch sein, Buddha sein...

flickr.com__h.kopp_delaneyWie wir Bindungen eingehen können, während wir unsere Ungebundenheit entwickeln

Nach der weltlichen Identität, die wir überwinden wollten, haben viele von uns in einer spirituellen Identität eine neue Heimat gefunden. Identifiziert mit unserer Buddhanatur – dem Teil von uns, der frei und gelöst ist – kann es uns dann passieren, dass wir unsere Verletzbarkeit und Bedürftigkeit verleugnen, anstatt sie zu heilen. Der amerikanische Psychologe John Welwood empfiehlt, bei der Entwicklung des Transpersonalen die des Personalen nicht außer acht zu lassen. Wir haben einen Buddha in uns, der alles ganz entspannt betrachtet, aber auch einen Menschen, der verletzbar ist und bedürftig. Beide Seiten sollten sich entwickeln, denn der Mensch ist ein Ganzes.

Du hast vor dreißig Jahren den Begriff des »spirituellen Überspringens« geprägt. Für diejenigen, die diesen Begriff noch nicht kennen, würdest du ihn bitte definieren und erklären?
Das spirituelle Überspringen ist ein Begriff, den ich geprägt habe, um einen Vorgang zu beschreiben, den ich in meiner buddhistischen Gemeinschaft beobachtet hatte, also auch in mir. Obwohl die meisten von uns ernsthaft damit beschäftigt waren, an sich selbst zu arbeiten, fand ich dort eine weit verbreitete Tendenz, spirituelle Ideen und Praktiken dazu zu benutzen, ungeklärte emotionale Themen zu vermeiden, seelische Wunden und Unvollendetes in der eigenen Entwicklung.

Wenn wir »spirituell überspringen« (bypassing), benutzen wir oft das Ziel des Erwachens oder der Befreiung, um das zu erreichen, was ich »verfrühte Transzendenz« nenne: der Versuch, sich über die raue und ungeklärte Seite unserer menschlichen Natur zu erheben, bevor wir ihr wirklich gegenüber getreten sind und unseren Frieden damit gemacht haben. Und dann neigen wir dazu, die absolute Wahrheit dazu zu benutzen, relative menschliche Bedürfnisse zu verunglimpfen, ebenso Gefühle, psychologische Probleme, Schwierigkeiten in der Beziehung und Entwicklungsdefizite. Ich betrachte das als im spirituellen Weg innewohnende Gefahr, weil Spiritualität die Vision enthält, über unsere gegenwärtige karmische Situation hinaus zu gehen.

Was für eine Gefahr meinst du da?
Die seelischen und emotionalen Themen überwinden wollen, indem man ihnen ausweicht, das ist gefährlich. Es entzweit uns innerlich in eine menschliche und eine Buddhanatur. Und es führt zu einer theoretischen, einseitigen Spiritualität, bei der der eine Pol auf Kosten des anderen erhoben wird: Die absolute Wahrheit wird der relativen vorgezogen, das Unpersönliche dem Persönlichen, die Leere der Form, die Transzendenz der Verkörperung und die Gelassenheit dem Gefühl. Man könnte zum Beispiel Gelassenheit praktizieren, indem man das eigene Bedürfnis nach Liebe übergeht, aber das treibt das Bedürfnis nur in den Untergrund, woes dann oft unbewusst ausagiert wird in verborgener und eventuell schädlicher Weise.

Könnte das Durcheinander in einigen unserer Sangha Gemeinschaften so zu erklären sein?
Sicherlich. Es ist so leicht, die Wahrheit der Leere einseitig zu benutzen: »Gedanken und Gefühle sind leer, es sind nur Erscheinungen, beachte sie deshalb nicht weiter. Erkenne ihre Natur als leer, durchschneide die Illusion auf der Stelle!« Im Bereich der spirituellen Praxis kann das ein hilfreicher Rat sein. In Alltagssituationen aber können dieselben Worte auch benutzt werden, um Gefühle und anderes, was unsere Aufmerksamkeit verlangt, zu unterdrücken oder zu leugnen.

Was interessiert dich in Bezug auf das spirituelle Überspringen heute am meisten?
Ich bin daran interessiert, wie sich das auf Beziehungen auswirkt. Dort richtet es häufig am meisten Schaden an. Wenn du ein Yogi bist in einer Höhle und dort ein jahreslanges Einzelretreat machst, zeigen sich deine seelischen Wunden vielleicht nicht so sehr, weil dein Fokus ganz auf deiner spirituellen Praxis liegt, in einer Umgebung, die deine Beziehungswunden vielleicht nicht reizt. Wo unsere ungelösten seelischen Wunden sich am meisten zeigen, das sind unsere Beziehungen. Seelische Wunden sind immer Beziehungswunden – sie haben sich in den Beziehungen mit denen gebildet, die uns als kleine Kinder betreut haben.

Die fundamentale menschliche Wunde, die in der modernen Welt grassiert, ist die, sich ungeliebt oder nicht liebenswert zu fühlen, so wie wir sind. Unangemessene Liebe oder Zuwendung gegenüber einem Kind kann dieses schockieren und traumatisieren, das Nervensystem des Kindes ist ja hoch empfindlich. Wie wir erzogen wurden haben wir verinnerlicht. Die Fähigkeit uns selbst wertzuschätzen ist oft in unserer Kindheit geschädigt worden, und wenn wir uns nicht selbst wertschätzen, können wir auch andere nicht wertzuschätzen. Ich nenne das eine »Beziehungswunde« oder »Wunde des Herzens«.

flickr.com__h.kopp_delaney_2Solche Wunden kennen wir ja alle.
Es gibt in der westlichen Psychologie eine Menge an Forschungsergebnissen, die zeigen, wie sehr nahe Bindungen auf jeden Aspekt unserer Entwicklung mächtig einwirken. Sichere Bindungen haben eine enorme Wirkung auf viele Bereiche unserer Gesundheit, unseres Wohlbefindens und unsere Fähigkeit, in der Welt gut zu funktionieren: Wie unser Gehirn sich bildet, wie gut unsere Endokrin- und Immunsysteme funktionieren, wie wir Gefühle handhaben, wie sehr wir zu Depressionen neigen, wie unser Nervensystem Stress handhabt und wie wir uns auf andere beziehen.

Im Gegensatz zu den traditionellen asiatischen Kulturen hinterlässt die moderne Kindererziehung die meisten Menschen mit Symptomen von Bindungsunsicherheit: Selbsthass, mangelnde Körperlichkeit und Erdung, chronische Unsicherheit und Angst, ein überaktiver Verstand, Mangel an Urvertrauen und ein tiefes Gefühl inneren Ungenügens. Deshalb leiden die meisten von uns an starker Entfremdung und einem früher unbekannten Gefühl von Getrennheit – getrennt von der Gesellschaft, Gemeinschaft, Familie, älteren Generationen, der Natur, der Religion, unserem Körper, unseren Gefühlen und unserer Menschlichkeit.

Wie wirkt sich das auf unsere spirituelle Praxis aus?
Viele von uns – ich gehöre auch dazu – haben sich ursprünglich zummindests teilweise deshalb der Spiritualität zugewandt, weil wir so die Schmerzen unserer seelischen und Beziehungswunden überwinden zu können glaubten. Wir sind der Art oder des Ausmaßes dieser Wunden jedoch oft nicht bewusst oder verleugnen sie. Wir wissen nur, dass irgendetwas nicht stimmt, und wir wolllen uns vom Leiden befreien.

Wir wenden uns der Spiritualität von einer Stelle aus zu, die verwundet ist und merken das noch nicht einmal? Ja. Wir wenden uns der Spiritualität zu, um uns besser zu fühlen. Dann kann es uns passieren, ohne dass wir das richtig mitkriegen, dass wir die spirituelle Praxis verwenden, um unsere psychischen Themen nicht konfrontieren zu müssen.

Wie beeinflusst unsere seelische Verwundung die spirituelle Praxis?
Ein guter spirituell Praktizierender zu sein kann zu dem werden, was ich die Ersatz-Identität nenne, die sich verteidigt gegen eine zugrundeliegende, von ihr verheimlichte defiziente Identität, in der wir uns schlecht fühlen uns selbst gegenüber, nicht gut genug, mangelhaft. Obwohl wir fleißig praktizieren, kann unsere spirituelle Praxis dabei der Verleugnung und Verteidigung dienen. Wenn die spirituelle Praxis dazu benutzt wird, die Themen aus unserem realen menschlichen Leben zu übergehen, dann verkapselt sie sich in einem separaten Teil unseres Lebens und integriert sich nicht mit dem, wer wir insgesamt sind.

Kannst du noch weitere Beispiele nennen, wie das sich in westlichen Praktizierenden zeigt?
In meiner psychotherapeutischen Praxis arbeite ich oft mit Studenten des Buddhismus, die seit Jahrzehnten spirituell praktizieren. Ich respektiere, wie ihre spirituelle Praxis für sie hilfreich war. Trotz der Ernsthaftigkeit ihres Ansatzes durchdringt ihre Praxis jedoch nicht ihr gesamtes Leben. Sie kommen zur psychischen Arbeit, weil sie verwundet geblieben sind, weil sie auf der persönlichen, emotionalen und Beziehungsebene noch Entwicklungsbedarf haben und die Gefahr besteht, dass sie ihre Wunden in schädlicher Weise ausleben.

Es ist nicht ungewöhnlich, über die zugrundeliegende Güte und innere Vollkommenheit unserer wahren Natur zu sprechen. Der zu vertrauen aber wird schwierig, wenn die eigenen psychischen Wunden als Auslöser fungieren. Studenten des Buddhismus, die einige Güte und einiges Mitgefühl für andere entwickelt haben, sind oft sehr hart im Umgang mit sich selbst, wenn sie merken, dass sie ihren eigenen spirituellen Idealen nicht genügen. Die Folge davon ist, dass ihre spirituelle Praxis steif und feierlich wird. Oder der Dienst an anderen wird zur Pflicht, oder er dient dazu, sich besser zu fühlen als andere. Wieder anderen kann es passieren, dass ihre spirituelle Brillianz ihren Narzissmus füttert und benutzt wird andere herabzusetzen oder zu manipulieren.

Menschen mit depressiven Tendenzen oder die in der Kindheit zu wenig Liebe erfahren haben und denen es deshalb schwerfällt, sich selbst wertzuschätzen, kann es passieren, die Lehren des Nicht-Ich zu benutzen, um sich selbst zu entwerten. Sich fühlen sich nicht nur sich selbst gegenüber schlecht, sondern betrachten ihre Unsicherheit diesbezüglich als weiteren Mangel – was eine Art von Ich-Fixierung ist, also gerade das Gegenteil der Lehre vom Nicht-Ich – was ihre Scham oder ihr Schuldgefühl noch schürt. Sie sind gefangen in einem schmerzhaften Kampf mit dem Selbst, das sie doch gerade dekonstruieren wollten.

Spirituelle Gemeinschaften werden oft zu einer Arena für das Ausagieren ungeklärter Familiengeschichten. Es ist so leicht, auf Lehrer oder Gurus zu projizieren, in ihnen Elternfiguren zu sehen und dann zu versuchen ihre Liebe zu gewinnen oder gegen sie zu rebellieren. Weit verbreitet ist auch die Geschwisterrivalität und der Wettbewerb mit anderen Mitgliedern der Gemeinschaft, wer des Lehrers Liebling ist.

Auch Meditation wird oft verwendet, um unbequeme Gefühle und ungeklärte Lebenssituationen zu vermeiden. Wer seine persönlichen Gefühle und Wunden leugnet, dem kann es passieren, dass die Meditationspraxis eine Tendenz zur Kälte, zum Rückzug und zur persönlichen Distanz verstärkt. Solche Leute fühlen sich verloren, wenn es darum geht, sich direkt auf die eigenen Gefühle zu beziehen oder diese zwischenmenschlich offen auszudrücken. Für sie kann es sich als bedrohlich anfühlen, auf dem spirituellen Weg Verwundungen, emotionaler Abhängigkeit oder einem grundlegendes Bedürfnis nach Liebe zu begegnen.

Oft habe ich erlebt, dass Versuche gelassen und unabhängig zu sein benutzt werden, um Menschen von ihrer menschlichen und emotionalen Verletzlichkeit abzutrennen. Sich selbst als spirituell Praktizierenden zu sehen wird benutzt, um eine Tiefe an persönlichem Engagement zu vermeiden, die alte Wunden oder die Sehnsucht nach Liebe aufkommen lassen könnten. Es tut weh, Menschen zu sehen, die nach außen eine Haltung der Distanziertheit aufrechterhalten, während sie unterhalb dieser Oberfläche schier vergehen vor Sehnsucht nach positiven Gefühlen der Zugehörigkeit und Verbindung.

Wie kann es uns also gelingen, das Ideal der Losgelösheit mit dem Bedürfnis nach menschlicher Bindung zu versöhnen?--------------------------------------------------------------------------------------------------------------------
So weit diesmal unser Schnuppertext. Wer den Rest von Teil 1 des Interviews (etwa nochmal so lang) lesen möchte, kann im connection Shop die Ausgabe 10/2011 von connection spirit als Heft bestellen (Der Artikel befindet sich darin auf den Seiten 28 bis 33.) oder das Dossier zum Schwerpunktthema "Heimat & Fremde" dieser Ausgabe als PDF-Datei per Download erwerben:

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Das Interview mit John Welwood führte die Psychotherapeutin Tina Fossella für Tricycle. Übersetzung aus dem Amerikanischen von Wolf Schneider. Die Originalfassung des Interviews steht auf: www.tricycle.comwww.tricycle.com.
Der zweite Teil der deutschen Fassung dieses Interviews erscheint in Connection Spirit 11/11. Welwood geht dort auf die konkreten Werkzeuge und Methoden ein, mit denen er im Umgang mit schwierigen Gefühlen und Beziehungsthemen gute Erfahrungen gemacht hat.

John Welwood ist einer der führenden transpersonalen Psychotherapeuten der USA, Autor viele Bücher und Zeitschriftenartikel und ein Pionier der Erforschung der Beziehung zwischen westlicher Psychologie und östlicher Weisheit. Er lebt mit seiner Frau Jennifer in Mill Valley, Kalifornien. www.johnwelwood.com
Text: Mit freundlicher Genehmigung der Zeitschrift connection
Fotos:
Flickr.com - H. Kopp Delaney

geschrieben von: LADEVA | am 31.05.2017