Was können wir tun?

© Christoph Aron - pixelio.deDer kleine Einzelne und das große Ganze

Wer bin ich überhaupt, und was kann ich als solcher bewirken angesichts unserer verwundeten Erde? Im Stamm oder Dorf von einst war das noch keine so brennende Frage. Da waren unsere Rollen und Wirkungskreise vorgegeben, und die Antwort war damals leichter selbst zu finden. Heute schwankt unser Selbstwertgefühl zwischen Verzweiflung und Größenwahn – und muss sich doch konkret entscheiden.

Ich schreibe dies auf La Palma, einer kleinen Insel im Atlantik, die geografisch zu Afrika gehört, politisch zu Spanien und damit zur EU. Sie ist erst vor circa zwei Millionen Jahren hier aufgetaucht, deshalb gab es hier keine Säugetiere, ehe Menschen hierher kamen, was etwa 2000 Jahre her ist. Vor gut 500 Jahren kamen die Spanier, eroberten alle sieben kanarischen Inseln, eine nach der anderen, töteten oder versklavten die Einwohner (die Benahoaritas), vermischten sich mit dem Rest und eroberten dann in ähnlich brutaler Weise von hier aus den südlichen Teil der Neuen Welt, den Kolumbus erst für die Ostseite von Indien hielt – deshalb der Name »Indianer« für deren Ureinwohner.

La Palma ist kaum so groß wie der deutsche Landkreis, aus dem ich komme – Mühldorf am Inn. Der hat 800 qkm Fläche, La Palma 700, und auch die Bevölkerungszahlen sind von ähnlicher Größe (dort 107.000, auf La Palma 86.000). Hier spricht man Spanisch, dort Deutsch. Beides sind EU-Regionen. Seit ein paar Jahren bin ich im Winter gerne hier, und immer mehr stecke ich meine Nase auch in die Ökologie, Ökonomie und Politik dieser kleinen Insel. Und staune.

Der schwarze Lemming
Weil diese Insel so überschaubar klein ist und ich hier auf den Straßen immer wieder dieselben Leute treffe, denke ich: Wir können doch etwas tun! Eine kleine Gemeinschaft kann man vielleicht noch gestalten, aber das Erdschiff? Was kann ein einzelner denn tun? In einer kleinen Gruppe Einigkeit zu erzielen ist schon schwierig genug, wie viel mehr unter sieben Milliarden. Ich kann mich vegan ernähren, meinen Müll trennen, die Suchmaschine ecosia.com nutzen statt Google und mit dem Fahrrad statt Auto meine lokalen Erledigungen machen. Ich kann Plastikverpackungen meiden und Bio-Produkte einkaufen, die möglichst auch noch fair gehandelt sein sollten. Und sonst? In meiner nahen Umgebung kann ich – und kann jeder von euch – für eine andere Lebensweise werben. Mit einer Zeitschrift wie dieser (Connection spirit) hier kann ich noch ein bisschen mehr bewirken – und ihr ebenso, wenn ihr mir gute Artikel und Leserbriefe hierzu schickt – wir erreichen damit vielleicht 10.000 Menschen. Und dann? Bleibt immer noch das Gefühl als ein Einzelner (oder kleine Gruppe) in einer sehr großen Menge von Lemmingen sehr wenig ausrichten zu können.

Apokalyptische Befürchtungen
Dabei bin ich kein Apokalyptiker. Der Rummel um 2012 und die Prophezeiungen des Maya-Kalenders reizten bei mir eher die Lachmuskeln als Endzeitgefühle. Der Hang zur Apokalypse ist eine psychische Disposition, die Individuen, Gruppen, ganze Kulturen erfassen kann. Jesu Zeiten waren Hochzeiten für Endzeitprediger, er war einer von ihnen. Die in solchen Prophezeiungen geäußerten Befürchtungen haben meist mehr mit dem Inneren der Befürchter zu tun als mit den Umständen der Außenwelt. Auch wenn die römische Herrschaft durchaus eine reale Bedrohung war für die damaligen Juden von Jerusalem.

Heute ist es jedoch tatsächlich so, dass die Welt von sehr vielen Menschen bevölkert wird, die auf der Suche nach Nahrungsmitteln und Energiequellen Raubbau an der Natur betreiben. So ist es, auch für Nicht-Apokalyptiker. Sieben Milliarden, das ist ziemlich viel. Deshalb gibt es immer mehr Historiker, die unsere Zeit »Anthropozän« nennen. Ein Erdzeitalter, das vom Menschen bestimmt wird, der dabei Tiere und Pflanzen ausrottet und die Erdoberfläche gewaltig verändert, neuerdings sogar das Klima und die Weltmeere.

 

Wir wissen schon genug

Wir können aber auch anders. Das Wissen, wie das gehen soll, ist zum größten Teil schon da. Das beste Beispiel dafür sind die von Mike Reynolds erfundenen, »Earthship« genannten Nullenergiehäuser, die überwiegend aus Abfall wie etwa Autoreifen und regionalem Material wie Lehm gebaut sind. In allen von Menschen bewohnbaren Klimazonen kann man sie bauen. Sie brauchen kein Öl und kein Brennholz, sie produzieren ihren Strom selbst, ihr Warmwasser und sogar einen Teil ihrer Nahrungsmittel. Gibt’s das? Ja, das gibt’s. Und weil das so ermutigend ist, haben wir den Schwerpunkt dieses Connection-Heftes (Ausgabe März/April 2014) hauptsächlich den Earthships gewidmet. 

 

Erstmal regional probieren

Zurück zu La Palma und dem Landkreis Mühldorf am Inn. Ehe man weltweit eine Veränderung der Gesellschaft zu initiieren versucht, so wie die Sozialisten es gut 100 Jahre lang mit Reformen oder Revolutionen versucht haben, könnte man ja mal in einer Region etwas Neues ausprobieren: Biolandwirtschaft, Permakultur, Freiwirtschaft nach Silvio Gesell oder ein bedingungsloses Grundeinkommen. So wie damals die Gemeinde Wörgl in Tirol das fließende Geld eingeführt hat, später als »Wunder von Wörgl« bekannt, weil es so gut funktioniert hat. So gut, dass der Außenminister von Frankreich anreiste, um das mit eigenen Augen zu sehen. So gut, dass die Vermögensinhaber in der Hauptstadt Wien um ihre Rendite fürchteten und das Experiment unter Androhung des Einmarschs der Reichswehr verboten. 

 

Initiativen von der Gewinnerseite

Heute hat sich das Bewusstsein ein bisschen weiter entwickelt. Vor allem ist das Gefühl für die Bedrohung der gesamten menschlichen Existenz auf der Erde gestiegen. Deshalb könnte heute auch diejenigen, die bei einer radikalen Veränderung von Gesellschaft und Wirtschaft etwas zu verlieren scheinen, initiativ werden, um in einer Region von der Größe der Gemeinde Wörgl, des Landkreises Mühldorf oder der Insel La Palma etwas auszuprobieren. Die sich jetzt noch auf der guten Seite der großen Kluft wähnen, haben ja auch deutlich mehr Möglichkeiten für solche Initiativen. Und bei einer weltweiten Katastrophe, wie etwa einem Zusammenbruch der Nahrungsmittelversorgung oder einer Verknappung des Wassers, würden auch sie mit in den Strudel gezogen. Gated Communities (von Sicherheitsdiensten geschützte Wohnbereiche der Reichen)? Das funktioniert auf Dauer nicht, von den psychischen Schäden auf beiden Seiten mal abgesehen.

 

Die Autarca-Gemeinschaft

Anfang Januar habe ich hier auf La Palma die Autarca-Gemeinschaft besucht. Dort leben sechs Menschen von zusammen 450 € pro Monat auf einem Stück Land, das sie gerade auf zweieinhalb Hektar vergrößert haben. Den älteren Teil haben sie vor sechs Jahren begonnen nach den Prinzipien der Permakultur zu renaturieren, der neuere Teil ist noch fast in dem desolaten Zustand wie große Teile der Höhenlagen der Insel (die niederen Lagen werden für die Bananenwirtschaft monokulturell genutzt), deren Böden nach den Prinzipien der bisherigen Landwirtschaft rücksichtslos ausgebeutet und dann brach liegen gelassen wurden; die einstigen Bewohner sind in die Städte abgewandert und tragen dort zur Arbeitslosigkeit bei. Die Autarca-Leute ziehen ihr eigenes Gemüse, recyceln ihr Brauchwasser, Kochhitze und Warmwasser kommen von der Sonne. Zwei Kompostklos geben nach dem Terra Preta Prinzip beste Schwarzerde – ein Mensch kann so mit seinen Fäkalien Erde produzieren, die für die Ernährung von zwei Menschen ausreicht. Die Gemeinschaft hat also keine Abwässer und auch sonst fast keine Abfälle. Falls die Sonne mal tagelang nicht scheinen sollte, heißt das nicht, dass man nicht kochen kann oder elektrisch kochen müsste, denn inzwischen hat Autarca eine Methangasanlage nach einem indischen Prinzip. Die wird mit Gemüseabfällen gefüttert und produziert Gas für den Herd. 

 

Lokal und global

Die Methangasanlage, die Sonnenkochkisten und -backöfen, alles kann man sich mit Materialien, die man im Baumarkt bekommt, selbst bauen. Barbara und Erich, die Betreiber der Finca, legen großen Wert darauf, möglichst unabhängig leben zu können. Die Sonne ist der Energielieferant, auf der Erde wächst das Essen. Mit Führungen durch ihr Gelände verdienen sie sich für die noch nötigen Einkäufe ein bisschen Geld dazu. Erich betreibt die eigene Webseite (www.matricultura.org) und betreut noch eine weitere als kleinen Zuverdienst (die von Bern Senf, www.berndsenf.de). Übers Web sind sie weltweit vernetzt, ansonsten wirtschaften sie vor allem lokal. 

Ein paar Tage nach dem Besuch der Autarca-Gemeinschaft, beim Anblick der hässlichen Bananenmonokulturen hier überall in Küstennähe, kam mir die Idee: La Palma als Öko-Modellregion, das wär’s! Nach dem »Wunder von Wörgl« jetzt ein Wunder von La Palma? So viel fehlt da ja nicht. Unser Autor Gerd Soballa saß vor ein paar Jahren als Architekt in einem Kreis lokaler Autoritäten, die verbindlich entschieden, die ganze Insel auf nachhaltige Energien umzustellen. Kurz darauf aber war die Entscheidung wieder vom Tisch. Anscheinend hatten sich die alten Seilschaften hier wieder durchgesetzt, die am Status quo verdienen. Die Arbeitslosigkeit hier ist jedoch hoch, und die Bananensubventionierung hält vielleicht nicht ewig. Wenn der regierende Inselrat entscheiden würde, hier nur noch Bio-Landwirtschaftsbetriebe zu erlauben, und möglichst nach Permakultur-Richtlinien, könnte La Palma zu einer weltweit beachteten Pilot-Region werden.

 

BIP oder Glück?

Von Robert F. Kennedy ist der Satz überliefert: »Das Bruttoinlandsprodukt misst alles – außer dem, was das Leben lebenswert macht.« Die Leute von Autarca leben gut. Ihre Nahrung ist um Welten besser als die des Durchschnittsbürgers. Sie leben auf ihrem eigenen Land, naturnah, sie brauchen Arbeitslosigkeit und Wirtschaftskrisen nicht zu fürchten – nach den üblichen Messlatten der Wirtschaft aber sind sie arm und brauchen das, was der Neoliberalismus seit Jahrzehnten unablässig predigt: Wachstum, Wachstum, Wachstum. Dabei wächst auf ihrer Finca die Natur nun wieder, sie kann sich erholen. Es kommen wieder Vögel, Schmetterlinge und Bienen, es ist eine Freude, dort spazieren zu gehen. Während die Wachstumsmaschinen der Welt per Fracking mit Giften Öl aus der Erde pressen, den Rest des Urwaldes von Borneo für Palmölplantagen roden, mit Schleppnetzen, die den Meeresboden zerstören, Fische fangen und so noch eine Weile in ihren Tabellen Wirtschaftswachstum vorweisen können. 

Das Himalayaland Bhutan hat der Welt den Begriff des »nationalen Glücksindex« gebracht, der das inzwischen für die Messung von Fortschritt weitgehend nutzlose BIP ablösen soll. Ein »armes und rückständiges« buddhistisches Land hat damit angefangen, aber die Idee breitet sich aus. Inzwischen sind führende Sozialforscher davon überzeugt, dass der noch überall herrschende BIP-Kult sehr schädliche Wirkungen hat. Sobald die Grundbedürfnisse gedeckt sind, wächst das subjektive Glücksempfinden des einzelnen Menschen mit zunehmendem Reichtum nämlich nicht mehr. Aber die Schäden, die das Streben nach immer mehr Macht, Geld und Reichtum auf der Welt anrichtet, sind immens. 

 

Bitte noch ein paar mehr Verrückte!

Slow Food, Slow Sex, Entschleunigung, Konsumverweigerung, Lokalismus, das sind schon ein paar recht gute Bewegungen gegen den Wahnsinn unserer Zeit. Sie müssen nun noch ein bisschen mehr werden als nur Modewellen. Es braucht noch ein paar mehr Verrückte vom Typ Mike Reynolds, dem Erfinder der Earthships. Menschen, die auch angesichts von Widerständen nicht den Mut verlieren und die Hoffnung nicht aufgeben. Als Mike Reynolds mit dem Bau der Earthships begann, wurde er aus der US-amerikanischen Architektenvereinigung ausgestoßen. Als er in Mexiko aus weggeworfenen Autoreifen Hauswände baute, die eine Heizung überflüssig machten, werteten die Behörden das als »illegale Abfallentsorgung«. Anstatt ihm um den Hals zu fallen, dass er damit zugleich von den Müllkippen diesen schwierigen Stoff entfernt hatte, auf gesunde Weise, und auch noch für ein Wohnhaus ein Stückchen mehr Freiheit von Ölimporten schuf.

 

Nein, nicht aufgeben

Auch wenn einen angesichts von Massenbewegungen manchmal schier die Verzweiflung packt. Es ist doch ganz einfach! Man braucht nur das Ego zu verstehen. Jeden Tag ein bisschen meditieren – nun weiß ja auch die Wissenschaft (und die deutschen Massenmedien wissen es), dass Meditation gesund ist und die Intelligenz und Kreativität verbessert. Das kleine Ich darf werten, trotz Eso-Schelte, es muss sogar werten und sich entscheiden, sich gut entscheiden, jeden Tag. Und es darf und sollte aus dem Wissen um das Ganze, die Eingebundenheit jedes Einzelnen lokal handeln. Und wenn man dabei zu verbiestert wird, hilft Humor: Auch gut zu sein ist ja nur eine Rolle. Und es braucht ein neues Verständnis der Evolution von Darwin & Co. Und ab und zu braucht es einen Aufschrei von Einzelnen. Vielleicht auch deinen Aufschrei. Oder sowas wie das Buch »Empört euch« von Stéphane Hessel. Oder die Provokationen von Osho. Oder die Genialität und das Durchhaltevermögen von einem wie Mike Reynolds. Es braucht spirituelle Rebellion, eine schäfische Spiritualität können wir nicht brauchen. 

 

Die britische Wissenschaftszeitschrift Nature veröffentlichte im Januar einen exzellenten Artikel über den Unsinn des BIP (engl. GDP) als Indikator von Fortschritt: http://www.nature.com/news/development-time-to-leave-gdp-behind-1.14499

Mehr über die matriarchal-permakulturell orientierte Gemeinschaft von Barbara und Erich auf La Palma findet ihr auf: www.matricultura.org

 

Wolf Schneider, Jg. 1952. Autor, Redakteur, Kursleiter. Studium der Naturwissenschaften und Philosophie (1971-75) in München. 1975-77 in Asien. 1985 Gründung der Zeitschrift connection. Seit 2008 Theaterspiel & Kabarett. Kontakt: schneider@connection.de. Blogs auf connection.de und auf schreibkunst.com

 

Foto: © Christoph Aron - pixelio.de

geschrieben von: LADEVA | am 29.04.2014