Wir sind Beziehungswesen

Hände Beziehung - © Jorma Bork - pixelio.deAls soziale Wesen verändern wir uns, beziehen uns – und vergehen
Wenn wir von Person zu Person in Beziehung treten und dabei wissen, dass wir sozial konstruierte Identitäten sind, dann ist unsere Beziehung eine andere. Dann ist sie nicht eines der üblichen Dramen, sondern eine Heldenreise, in der wir das große Ganze durchschimmern lassen können, aus dem wir, kondensierenden Wolken gleich, entstanden sind, nun als ein Du und ein Ich, aus kleinen Wassertröpfchen bestehend, die in der warmen Sonne auch wieder verdampfen werden.
Es gäbe so viel zu tun – für unsere Kinder, unsere Umwelt, unsere Gesundheit, Bildung, Weisheit. Wir aber sind mit unseren Beziehungsproblemen beschäftigt. Sehnender Single oder genervter Partner, auf welcher Seite du auch gerade stehst, du bist beschäftigt – mit »Beziehungsarbeit«. Ohne die geht heutzutage nichts mehr. Sogar Europapolitiker mahnen inzwischen an, die Beziehung zu Europa müsse gepflegt werden »wie in einer Ehe«. Wehe du tust diese Arbeit nicht! Dann wirst du als unspirituell, arrogant, narzistisch gescholten, in schlimmeren Fällen als Psychopath oder Autist. Oder bleibst eben allein.
Hier der geschaffene Bedarf, und dort sind auch schon die dazu passenden Angebote: Coaching aller Art, Paarberatung, Slow Sex für Gestresste, ein Kurs im Flirten für erfolglose Singles, Power-Wochenenden mit den sieben Erfolgsfaktoren fürs Liebesglück. 15 Jahre lang habe ich im Connectionhaus Kurse im kreativen Schreiben gegeben, ein Thema überragte dabei alle anderen: Beziehung. Erleuchtung, Weisheit? Interessiert doch keinen. Wenn ich aber das Thema Beziehung, Liebe, Sex oder »Frauen sind von der Venus, Männer vom Mars« vorschlug, sprudelte es nur so. Da zeigte sich der Frust ebenso wie das Glück, das man erfahren hatte. Oft eher: das man erfahren wollte. Die Sehnsucht nach Liebe gibt es, seit es Menschen gibt. Heute wird sie von Märkten bedient, die Ratschläge verkaufen, und da wir smart sind und auf den Preis achten, gibt es die Erfüllungsversprechen in den Wühlkisten auf dem Weg zur Kasse, mit aller Art lockender Lösungen, deren Halbwertszeit aber nur bis zum nächsten Sonderangebot reicht.

Du, ihr und ich
So viel zum Markt. Und jetzt, ha, komme ich mit meiner Lösung! Und behaupte, die Frage nach der richtigen Beziehung, und dahinter die nach dem Liebesglück, hänge mit der zentralen Frage des Erkenntnis suchenden Menschen zusammen: der Frage nach dem Ich. Wie man in sieben Schritten zum perfekten Liebesglück gelangt, das weiß ich auch nicht, aber immerhin das hier habe ich verstanden: Das Ich ist eine relationale Konstruktion. Anders gesagt: Wir sind Beziehungswesen. Auch Robinson Crusoe auf seiner Insel ist ein solches. Wir sind Beziehungswesen auch dann, wenn wir allein sind, denn unser Ich ist sozial konstruiert. Der, für den wir uns halten – oder als der wir in unserer Umgebung gelten, es soll ja Fälle geben, wo beides übereinstimmt – ist durch soziale Interaktion entstanden. Ohne andere Wesen auf der Welt, mit denen wir uns vergleichen können, gibt es diese Fiktion der sozialen Identität – das Ich – nicht. Und da unsere soziale Umgebung immer in Bewegung ist, bleibt auch dieses Ich immer in Bewegung. Treue zu mir selbst? Je nachdem, je nach Umgebung bin ich ein anderer. Je nachdem, wer du bist und wer ihr seid: Ohne dich, ohne euch wäre ich ein anderer.

Fakt und Fiktion
Alle mir bekannten Sprachen haben Personalpronomen. Warum das? Weil wir einander als Personen wahrnehmen und als Folge davon auch uns selbst als solche. Alle Sprachen haben ein Wort für die persönliche Anrede, das Du – auch wenn es dabei je nach Distanz oder Nähe, Bekanntheit, sozialem Rang, Gender und anderem große Unterschiede gibt – auf Deutsch gibt es ja auch noch ein »Sie«, auf Japanisch oder Sanskrit noch viel mehr. Wer den Zugang zum Transpersonalen schätzt, spiele einmal damit, einen Text zwischen der ersten, zweiten und dritten Person (ich, du und er/sie) umzuformulieren: Der Gehalt an Weisheit ändert sich dadurch nicht, nur der Charakter, die Anmutung, der Stil. Weisheit ist eben transpersonal.
Interessant finde ich in diesem Kontext auch die Unterschiede zwischen Fakt und Fiktion in unseren Künsten (Literatur, Film und andere), die ja unsere Wahrnehmung voneinander prägen. Nehme ich dich als Fakt oder als Fiktion war? Spielfilme und Romane verkaufen sich deutlich besser als Dokus und Sachbücher. Ist es vielleicht auch in unseren Beziehungen so, dass wir einander lieber als Fiktionen wahrnehmen denn als etwas Faktisches? Das muss ja nicht zu unserem Nachteil sein. Die Anrede als Shiva und Shakti im Tantra wäre ein positives Beispiel für eine solche Fiktion. Die Anrede als Drecksau und Schlampe wäre ein negatives Beispiel aus unserem Alltag. Alle vier Begriffe sind Fiktionen, mit denen wir unsere Interaktion gestalten.
Wie du mich mit deinen Händen berührst, ist eine Tatsache. Wer du dabei bist, ist eine Fiktion. Wie beides zusammenhängt ist Stoff für psychologische Dissertationen. Dein Körper wird von einem Wesen bewohnt, das deine soziale Umgebung erschaffen hat, und das nun wir – du und ich und das uns umgebende Kollektiv – für deinen weiteren Lebensweg mitgestalten können. Mit welchen Fiktionen wir in unsere Beziehung eintreten, versuchen Methoden wie das Familienstellen herauszufinden. Wir treten ja nicht als unbeschriebenes Blatt in eine Beziehung, sondern haben dabei eine Identität im Gepäck, die uns im akkulturierenden, konditionierenden System zugewiesen wurde, meist überwiegend vorerst ohne eigenes Zutun. Wenn wir diese erkennen, können wir sie annehmen oder ablegen und daraus Freiräume gewinnen für die Gestaltung unserer Beziehungen, ja unseres ganzen Lebensweges.

Im Diesseits und Jenseits zugleich
Der Weg des Mystikers ist nun, entgegen dem üblichen Wortgebrauch unserer Alltagssprachen, nicht der des Mystifizierers, sondern ein Weg des Erkennens des Tatsächlichen. Die mystische Wahrnehmung wendet sich innerhalb uns bestimmender Fiktionen den Fakten zu: dem Hören deiner Stimme, obwohl ich dich als Person doch kenne, und dem Vergehen in deinen Berührungen, obwohl ich doch weiß, wer du bist. Wir können in Beziehung sein, von Person zu Person, verbindlich, und dabei das große Ganze durchschimmern lassen, aus dem wir wie sich durch Kondensation gebildete Wolken entstanden sind, ein Du und ein Ich, aus kleinen Wassertröpfchen bestehend, die nun ineinander aufgehen können und in der warmen Sonne vielleicht bald ganz verschwinden.
Die Liebeslyrik preist zwar dieses Vergehen im Unendlichen an, auch das Verweilen darin. Wir können dort, im Land jenseits des Ego, aber keine Zelte aufschlagen. Reale Liebe muss so sehr in beiden Bereichen beheimatet sein, wie wir zum Gehen zwei Beine brauchen, auf einem bleibt es ein Hüpfen. Verschanzt in einem festen Ich gegenüber einem festen Du, das mag eine verlässliche Beziehung sein, es ist aber keine Liebe. Ebenso geben zwei Tropfen, die ineinander fließen (oder jeder in den großen Ozean) noch keine gute Beziehung ab, sondern sind –Wasser. Erst das Dazwischensein, hier und dort zugleich, im Tropfen und im Ozean, im Diesseits und im Jenseits, ist Liebeskunst, Beziehungskunst, Lebenskunst. Dort sind wir gebunden und zugleich frei und leben als mysteriöse Wesen im Zwischenreich – vielleicht sollten wir es einen Bardo nennen, den Bardo der Liebe.

 
Text: Wolf Schneider, Jg. 1952. Autor, Redakteur, Kursleiter. Studium der Naturwissenschaften und Philosophie (1971-75) an der LMU München. 1975-77 in Asien. 1985 Gründung der Zeitschrift connection. Seit 2008 Theaterspiel & Kabarett. Kontakt: schneider@connection.de

Foto: © Jorma Bork - pixelio.de
 

geschrieben von: LADEVA | am 26.07.2014