Zuerst kommt der Körper

Leonardo da Vinci - MenschSensibilität gegenüber dem Körper ist auch das Beste für den Geist
 
»Mind over matter« sagt man im Englischen. »Primat des Geistes« oder »der Geist hat Vorrang« heißt es im Deutschen. Kaum ein philosophisches Konzept hat über die Zeiten und Kontinente für so viel Verwirrung gesorgt wie dieses – und für Leiden. Denn der Weg zur geistigen und emotionalen Reife, zur Gesundheit und Weisheit führt über den Körper, über das bewusste Sein im Körper, hier und jetzt
 
Seltsam, wie man in unserer Kultur Körper und Geist versteht. Traditionell ungefähr so: Die Tiere haben einen Körper, aber keinen Geist. Wir Menschen haben Geist, das zeichnet uns aus, aber irgendwie hängt da noch was dran, das uns leider auch ein bisschen zu Tieren macht – der Körper. Unsere noble Aufgabe als Menschen ist nun, dieses Animalische in uns zu überwinden und ganz Mensch, also ganz Geist zu werden. Dann und nur dann erreichen wir das Ewige, Göttliche, den Himmel, den Geist, das Höhere Selbst oder Nirvana.
Wer etwas genauer hinsieht, merkt, wie absurd diese Idee ist. Nicht erst wir Heutigen, schon Buddha und seine Zeitgenossen wussten, dass der Weg zu den sogenannten höheren geistigen Ebenen menschlicher Verwirklichung über den Körper führt. Über einen guten Umgang mit dem Körper! Nicht über seine Ablehnung. Deshalb möchte ich hier die einleitenden Worte aus der Satipatthana Sutta anführen, der Lehrrede über die Verankerung des »Mönchs« (heute würden wir sagen: des spirituell Strebenden) in der Achtsamkeit.
Von Buddha haben wir immerhin Wörtliches überliefert bekommen, von Jesus, der anderen großen Figur der spirituellen Weltgeschichte, leider kaum. Niemand wird heute kulturübergreifend so sehr als weiser, emotional und geistig bestmöglich gereifter, selbstverwirklichter Mensch verehrt wie jener Gautama Buddha, der ca. 560 bis 480 vuZ in Nordindien lebte – der nicht minder populäre Jesus wird eher für sein Mitgefühl und seine Hingabe gerühmt, nicht so sehr für seine Weisheit. Von diesem größten bekannten Weisen aller Zeiten (von den unbekannten wissen wir ja nichts) beginnt die wichtigste seiner Lehrreden mit den folgenden Worten:
 
Eifrig, wissensklar, achtsam
»Der einzige Weg ist dies, o Mönche, zur Läuterung der Wesen, zur Überwindung von Kummer und Klage, zum Schwinden von Schmerz und Trübsal, zur Gewinnung der rechten Methode, zur Verwirklichung des Nibbāna: die vier Grundlagen der Achtsamkeit. Welche vier sind das? Da weilt, o Mönche, der Mönch beim Körper in Betrachtung des Körpers, eifrig, wissensklar und achtsam« (und dann folgen die Gefühle, der Geist und die Geistesobjekte, auch alles das verlangt Achtsamkeit.)
»Wie nun, o Mönche, weilt der Mönch beim Körper in Betrachtung des Körpers? Da ist hier, o Mönche, der Mönch in den Wald gegangen, an den Fuß eines Baumes oder in eine leere Behausung. Er setzt sich nieder, mit verschränkten Beinen, den Körper gerade aufgerichtet, die Achtsamkeit vor sich gegenwärtig haltend, und achtsam atmet er ein, achtsam atmet er aus.«
»So weilt er nach innen beim (eigenen Atem-)Körper in Betrachtung des Körpers; oder er weilt nach außen beim Körper (anderer) in Betrachtung des Körpers; oder er weilt nach innen und außen (abwechselnd) beim (eigenen und fremden) Körper in Betrachtung des Körpers.«
Das klingt uns Heutigen antiquiert, auch wegen der Wiederholungen, die man damals pflegte, weil man noch keine Aufnahmegeräte hatte, und auch die Schrift, die es längst gab, für sowas noch kaum verwendet wurde – die bevorzugte Methode des Lehrens und Lernens war das (oft rhythmische) Sprechen und das gute Zuhören. Trotz der fremden Sprechweise kommt die Botschaft klar rüber: Die achtsame Betrachtung des Körpers, das Verweilen darin, ist der allem anderen zu bevorzugende Zugang zum Geistigen, zu Stille und Frieden, zur Leidensfreiheit und Erleuchtung (nibbana).
 
Der Königsweg zum Geistigen
Und das sagte einer, für den das Männliche mehr galt als das Weibliche, das Aufstrebende mehr als das Niedergehende, und von dem sich die Kulturen nach ihm eine Himmelfahrt ausdachten, ähnlich wie bei Jesus. Einer, in dessen Kultur die Körper nicht beerdigt wurden, sondern verbrannt, so dass dabei nicht nur die Seele, sondern auch der Körper mit dem Feuer zum Himmel aufsteigen würde – für die indische Kultur ebenso wie die europäische galt die Erde damals doch als das, was uns unten hält, niederhält und im Körper gefangen. Die Betrachtung des Körpers aber, das meditative Versinken darin, ist auch heute der Königsweg unter den Meditationen; heute, da endlich die Erde, der Boden und das Weibliche wieder geschätzt werden als das unerlässliche Gegenüber zu allem Aufstrebenden.
Es lässt sich eben nicht trennen. Wenn ich Leistungssport betreibe, Tänzer bin, Schauspieler, Sänger oder Akrobat, setze ich mir Ziele – etwas Geistiges! – denen der Körper dann folgen soll. Und auch dann, wenn ich nur meinen eigenen Atem betrachte, ist diese Betrachtung etwas Geistiges, das Objekt aber, das Atmen, ist etwas Körperliches. Ebenso wie bei der Betrachtung des Werdens und Vergehens in der Natur, in der Abfolge der Jahreszeiten, im Aufwachsen von Kindern und dem Verfall des eigenen, alternden Körpers.
Idiotie (von altgriech. idiotes – Privatperson) ist, wenn der Geist denkt, er sei einzeln, losgelöst, frei vom Körper und auch sonst jedem Kontext. So entstehen alle diese schrecklichen geistigen Krankheiten: Extremismus, Fanatismus, Fundamentalismus, Rassismus, kulturelle Arroganz, erstarrte Ideologien, Rechthaberei, Besserwisserei. Nur wenige der von diesen Idiotien Gepeinigten werden als solche erkannt und in die Psychiatrie eingewiesen. Die meisten von ihnen laufen frei herum, und die Erfolgreichsten von ihnen bestimmen unsere Weltkultur.
 
Das Lustprinzip
Auch im Privaten, Kleinen passiert das. Wir machen eine extreme Diät so lange, bis wir rückfällig werden. Wir betreiben Leistungssport, bis wir schon in jungen Jahren nicht mehr können. Diese Fixierungen auf den Körper sind immer eine Art geistiger Besessenheit, es sind Kämpfe gegen sich selbst.
Besser, man folgt in Maßen und weise vorausschauend dem Lustprinzip, isst in Maßen Gutes und bewegt sich so, dass es gut tut. Gute Ernährung und ausreichend Bewegung sind die besten Mittel gegen die heutigen Zivilisationskrankheiten. Wenn sich das eine oder andere davon nicht schon im Moment des Tuns gut anfühlt, fehlt dafür wahrscheinlich eine spezifische Sensibilität, das Einfühlen oder Lauschen nach innen. Bei der Auswahl eines Essens, das guttut, ohne auf irgendwas Leckeres verzichten zu müssen, kann folgende Faustregel helfen: Folge nicht dem, was dir zuwinkt, sondern dem, was in dir summt. Was dir von außen zuwinkt, wie die vielen, verlockenden Waren im Supermarkt auf dem Weg zur Kasse, ist meist nicht das, was du brauchst.
Das gilt übrigens auch für unser ethisches Verhalten gegenüber anderen: Tu Gutes, aber so, dass es sich schon im Tun gut anfühlt – körperlich und geistig (vom Gewissen her). Andernfalls ist die Gefahr groß, dass du dich durch ein Tun, mit dem du nur einer Maxime folgst, für was Besseres hältst als andere. Dann hat vermutlich deine soziale Umgebung, dein soziales »System«, auf das du dann projizierst, die Schattenseiten dieser inneren Spaltung zu tragen. Auch dabei kann der Körper ein guter Sensor sein: Fühlt es sich körperlich gut an, was du da tust? Für den Aussteiger Andy, den Helge Timmerberg auf den Seiten 26 bis 29 in diesem Heft (connection 01/02-2015 beschreibt, ist das offenbar der Fall.
 

Wolf Schneider, Jg. 1952. Autor, Redakteur, Kursleiter. Studium der Naturwissenschaften und Philosophie (1971-75) in München. 1975-77 in Asien. 1985 Gründung der Zeitschrift connection. Seit 2007 Theaterspiel & Kabarett. Kontakt: schneider@connection.de
 
Ex: Die Betrachtung des Körpers, das meditative Versinken darin, ist auch heute noch der Königsweg unter den Meditationen
 

geschrieben von: LADEVA | am 03.03.2015